GÜNTER STEINLE FONDATION   /  Wie alles begann …

Man sieht sie nicht, aber sie wirkt:

Seit über 40 Jahren nimmt sich die „Günter-Steinle-Fondation“ Hilfsbedürftiger an, sponsert Sportler,
fördert Künstler und unterstützt nicht zuletzt das kommunale Gemeinwesen.

Wie alles begann…

Günter Steinle ist ein bewegter Mann. Es gibt vieles, was ihn bewegt und noch mehr, das er bewegt hat. Als Impulsgeber, Wegbereiter, Umsetzer und nicht zuletzt Finanzier. Soziale und gesellschaftliche Verantwortung übernimmt er nicht erst, seit „Social Responsibility“ in Mode gekommen ist und in Firmen-Leitbildern öffentlichkeitswirksam Einzug gehalten hat. Bereits vor 41 Jahren hat er die „Steinle-Fondation“ ins Leben gerufen, um das zu tun, was ihm Verpflichtung ist und seinem Selbstverständnis entspricht: „Wenn ich als Unternehmer erfolgreich bin, möchte ich von dem Erfolg gerne auch etwas

abgeben.“

Und zwar im Stillen, ohne die große Glocke. Denn Gutes zu tun und darüber zu reden, ist Steinles Sache nicht. Zumal er Wohltätigkeit und Mäzenatentum weder als PR-Instrument noch als Treibmittel für den Unternehmensturbo versteht. Den hat der klassische Selfmade-Man mit der Gründung seines Wohnbau-Unternehmens 1973 eigenhändig gezündet. Ohne Fremdhilfe, aber ausgestattet mit der Kompetenz eines Wirtschaftsingenieurs, voller Kreativität, Zielstrebigkeit und nicht zuletzt Selbstbewusstsein: „Ich sagte mir, wenn du so

talentiert bist, wie du glaubst, wird die Gesellschaft sehr erfolgreich werden.“

Über den Tellerrand

Er sollte Recht behalten. Denn mit seiner Bedürfnis- und Architektur orientierten Strategie hat er neue Akzente und Maßstäbe in einer Branche gesetzt, die sich bis dato häufig uninspirierten Zweckbauen aus der Schublade bedient. Günter

Steinles Credo ist ein anderes: Er sucht kultivierte Lebensräume für Menschen zu schaffen, die ihren jeweiligen Anforderungen entsprechen. In einer formal ansprechenden Umgebung mit sozialverträglichem Charakter auf einem reellen Preisniveau. Eine Grundhaltung, die seinem ureigenen Wesen entspricht, dessen Horizont schon in jungen Jahren

weiter reichte, als der Tellerrand.

Mit Konformismus konnte er noch nie etwas anfangen, Stagnation ist dem Querdenker seit jeher ein Graus. „Ich habe als Schüler festgestellt, dass mich alles interessiert, nur nicht die typische vorgezeichnete Karriere eines Unternehmersohnes.“
Was der Vielzahl seiner kreativen Talente geschuldet ist, denen er versuchte, gerecht zu werden. Ob er nun Architekturmodelle baute, die Einzug in Vitrinen des Kepler-Gymnasiums fanden, am Heiligen Abend, während andere zuhause Weihnachtslieder sangen, mit der Kamera durch Ulm zog und dokumentarisch Eindrücke festhielt, Bilder malte oder am Klavier saß. Vom damals neuen Musikstil war nicht zuletzt sein alter Musiklehrer angetan, der ihn nach dem Unterricht regelmäßig aufforderte: „Komm’, Günter, spiel’ mal Jazz auf dem Klavier.“

Netzwerk öffnet Horizonte

Gunter Steinle war da, wo die Musik spielte, und wo Günter Steinle war, spielte die Musik. In vielerlei Beziehung, nicht nur im eigenen und mutmaßlich ersten Szene-Jazzkeller Ulms, den er einst kurzentschlossen in seinem Elternhaus einrichtete.

Entsprechend breitgefächert, wie seine Interessen, entwickelte sich auch sein namhafter Freundes- und Bekanntenkreis: „Ich habe immer die richtigen Leute kennengelernt.“ So entstand ein Netzwerk aus Schlüsselfiguren, das nicht nur interessante

Stiftungsprojekte ermöglichte, sondern auch deren Umsetzung innerhalb der drei Kernbereiche, der sich die Fondation verschrieben hat: Soziales, Kultur, Sport.

 

Seitdem unterstützt Steinle all’ die Dinge, mit denen er sich „identifizieren kann und von anderen nicht finanziert werden“. Was sowohl Kleinodien des Alltags sein können, als auch Projekte mit internationaler Ausstrahlung. Ob er nun dem tristen Pausenhof der Eichberg-Schule dazu verhalf, zu

einer spannenden, farbenfrohen Spielfläche zu werden oder Schülern mit dem Kauf von Instrumenten die Tür zur Orff’schen Musikwelt öffnete.

 

Da es 1977 noch an ausgebildeten Fachkräften in dieser Disziplin mangelte, engagierte die Fondation gleich eine Lehrerin dazu. Zumal Günter Steinle darin eine „wertvolle Möglichkeit“ sah, „Kindern Rhythmen beizubringen“.
Den ursprünglichen Plan von Eltern- und Lehrerschaft, Plattenspieler zu erwerben, konnte er nicht nachvollziehen: „Weshalb sollen Kinder Musik nur hören, obwohl sie sie auch selber spielen können?“

Von ungleich essentiellerer Bedeutung war die Hilfe, die die Steinle-Fondation 24 bosnischen Kindern 1995 zuteil werden ließ, als sie ihnen ermöglichte, sich in Deutschland ein halbes Jahr lang von ihren erlittenen Verletzungen und traumatischen

Kriegserlebnissen zu erholen. Da die Stiftung schon immer am Puls der Zeit agierte, nahm sie sich bereits früh der ADHS-Problematik an und organisierte psychologische Beratungen für Betroffene, als das Thema noch nicht im Fokus der gesellschaftlichen Diskussion stand.

Eröffnung Klub 79

1. Jazz Keller in Ulm 1957

Fresken im Jazz Keller von
Dieter "Emilio" Schubert

Jazz im Blaueck

 

Pionier der Sportförderung

Als einer der ersten Sponsoren überhaupt griff Steinle dem SSV Ulm 1846 unter die Arme, weil er in der Tennis-Abteilung Defizite ausgemacht hatte - gleichwohl stilistische als auch hinsichtlich der sportlichen Rahmenbedingungen. „Damals ging es recht rustikal zu“, erinnert sich der Unternehmer an

die Verhältnisse, die aus seiner Sicht weder dem Image des einst „Weißen Sports“ entsprachen, noch der Spielklasse der Ersten Liga. „Wenn man auf einem so hohen Niveau Tennis

spielt, bedarf es auch eines einheitlichen Erscheinungsbilds.“ Ergo rüstete er als erster Trikotsponsor die Cracks samt und sonders mit Microfaser-Trainingsanzügen inklusive Firmenlogo aus. Zur „sportlichen Ertüchtigung“ organisierte er obendrein eine Ballwurfmaschine und ermöglichte damit eine Trainingsmethode, die bislang nicht zu Verfügung gestanden hatte.

 

Neben der Förderung des Jugend- und Breitensports sorgte die Fondation auch für den Auftritt von Spitzenathleten in Ulm und trug damit ihren Teil dazu bei, dass die Stadt zu einer guten Adresse in der Leichtathletik-Landschaft wurde. Abgesehen von den gesponserten Deutschen Leichtathletik-

Meisterschaften 2003 ist das Donaustadion dadurch auch zur sportlichen Heimat von Zehnkämpfer-As Michael Kohnle geworden.

Aktuell unterstützt die Stiftung das Football-Projekt der „Neu-Ulm Spartans“, die über den reinen Sport hinaus soziale und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen – ob bei Geschenkaktionen in Kinderkliniken oder beim kollektiven Blutspenden. „Was die Spartans machen, finde ich einfach prima“, erklärt Stiftungsgründer Günter Steinle seine

Motivation. Dabei greift die Fondation nicht nur Nachwuchssportlern, denen es an Geld für eine Ausrüstung fehlt, unter die Arme, sondern auch jenen, die Nachhilfe brauchen oder psychosoziale Betreuung.

Förderung der SSV Ulm Abteilung Tennis

Förderung der Spartans Neu-Ulm

Milchpopper und Kleiderbügel-Halter

Steinles zuhause war indessen immer die Kunst. Kulturelle Angelegenheiten sind die seinen - für den Mann, der die prägenden Jahre im Dunstkreis der legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung verbracht hat. Dort, am Hochsträß, war in den 60ern der eruptive Mittelpunkt des Kunstschaffens und der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung. Das bahnbrechende HfG-Design genießt bis heute Weltgeltung, auch wenn manche Projekte für den allgemeinen Zeitgeist damals zu früh kamen, beziehungsweise zu kühn waren. Gleichwohl wurden nahezu alle Absolventen zu namhaften Künstlern – und nicht wenige standen und stehen Günter Steinle nahe.

 

Etwa Rolf Glasmeier, der an der HfG eigentlich visuelle Kommunikation studierte, sich aber nach und der zeitgenössischen Kunst widmete. Die in einem gemeinsamen Projekt so gegenständlich werden sollte, dass sie zunächst „nicht als Kunst, sondern als Gag eines durchgeknallten HfG-Studenten gesehen wurde“, erinnert sich Steinle an die Idee, Alltagsgegenstände, wie Milchflaschen-Verschlüsse, Kleiderbügel Flaschenöffner oder Regalschienen in bewegliche Kunstobjekte zu verwandeln, wovon heute noch der von Steinle 1967 produzierte Film „Kaufhausobjekte“ als zeugt,

der als Ursprung der Fondation gilt.

Als die Ausstellung in einem Ulmer Haushalts- und Eisenwarenladen beendet und der Verlaufserfolg „nicht sonderlich groß war“, konnte die Künstlergemeinde praktischerweise die Werke auseinanderbauen und die Einzelteile wieder zurück in die Regale legen, wo sie herkamen. Heute widmet das Neue Museum Ingolstadt Rolf Glasmeier, der als einer der großen Meister der Konkreten Kunst

gilt, eine Dauerausstellung...

 

Fürderhin sollte Steinles Kunst- und Kulturförderung von weit größeren und nachhaltigeren Erfolgen gekennzeichnet sein - auch auf der internationalen Bühne. So hatte er einst von einer

engen Freundin und Vertrauten von einem bis dato unbekannten Schlagwerktechniker gehört, der ein Ensemble aus internationalen Musikern gründen wollte. Zumindest hatte Jürgen Grözinger diese Absicht, aber keinen Proberaum. Ergo stellte die Fondation den Künstlern gratis Räumlichkeiten in der Griesbadgasse zu Verfügung, „damit sie problemlos arbeiten können“. Und hin und wieder Konzerte geben: „Mit dem Ergebnis, dass sich verschiedene Nachbarn darüber aufgeregt haben“, weiß Steinle um die Einsprüche aus der Nachbarschaft, mit denen er sich auseinanderzusetzen hatte.

Leuchtturmprojekt mit Nachgeschmack

So entstand das „European Music Project“, und mit ihm die Ambition, sich einer größeren Öffentlichkeit vor- und einen Tonträger herzustellen. Wieder sprang die Steinle-Fondation in die Bresche und unterstützte die Reihe „Neue Musik im Stadthaus“ nebst weiterer Konzerte ebenso, wie sie eigene CD-Produktionen finanzierte. Der Erfolg der Stadthauskonzerte übertraf alle Erwartungen und erwies sich als herausragende Werbung nicht zuletzt für die Stadt. Wie auch die von der Fondation geförderte Welturaufführung der Produktion

„Men“, mit der sich der New Yorker Komponist  David Lang mit den Geschehnissen rund um den Terroranschlag vom 11. September auseinandersetzt, für Aufsehen sorgte.

 

Die zündende Idee schlechthin kam Günter Steinle am 15. Mai 1998 – an seinem Geburtstag. Er hatte gerade neben seiner Mutter auf der Bank im Garten Platz genommen, als sich die Terrassentür öffnete und den Blick auf Jürgen Grözinger preis

gab, der als Geschenk vornehmlich Werke von Erik Satie vortrug, der als Komponist die Neue Musik des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst hatte. Und das Geburtstagskind nachhaltig beeindruckte: „Die Musik war der Knaller. Ich konnte mir vorstellen, dass sie nicht nur zeitgenössischen Musikfans zusagt, sondern auch einem größeren Kreis.“ Das war der Grundstein für die Produktion der CD „Inside the dream“ mit Kompositionen Saties.

Welchen Stellenwert das Vorhaben besaß, wird an dem Umstand deutlich, dass nach der ersten Aufnahme im eigens angemieteten Kornhaus noch eine weitere mit prominenter Besetzung folgte. Es gelang, den weltberühmten Pianisten Ilya Itin für das Projekt zu gewinnen. Einziges Problem: der Musiker weilte gerade in New York. „Na und“, sagte Günter Steinle. „Das ist kein Problem.“ Also flog Jürgen Grözinger als musikalischer Leiter auf Kosten der Fondation über den Großen Teich und nahm mit Itin in den New Yorker „Braille“-Studios die CD auf. Aus der Vermarktung „ein Geschäft zu machen“, daran hatte der Mäzen indessen „kein Interesse“. Der Erlös floss samt und sonders ins European Music Project.

 

Die Qualität blieb nicht lange unbemerkt, man wurde auch andernorts auf das Ensemble aufmerksam. Alsbald erhielt Steinle als Beiratsmitglied der Museumsfreunde die Anfrage von der damaligen Museumsleiterin Brigitte Reinhardt, ob das Ensemble nicht im Museumshof auftreten könne – gratis, versteht sich. „Ok“, sagte Steinle, erfüllte auch diesen Wunsch und „schickte die Musiker in Vollbesetzung“. Was auch hier für Furore sorgte: „Der Zulauf war derart groß, dass wir die Museumstüren verriegeln mussten.“

Förderung „European Music Project“ mit CD-Produktion

Amtliche Erinnerungslücken

Entsprechend positiv fiel auch das öffentliche Echo aus – allerdings auch überraschend einseitig. Ausgerechnet diejenigen, die den Abend erst möglich gemacht hatten, wurden mit keiner Silbe erwähnt, nicht einmal durch die Hausherrin. „Immerhin habe ich als Beiratsmitglied das Ganze

organisiert und die Musiker bezahlt“, merkt Steinle an. Obwohl er die Dinge grundsätzlich uneitel angeht und weder um Applaus noch um Dankbarkeit buhlt, wurmt ihn eine derartige Haltung. Zumal er in seinem Stifterleben nicht nur einmal erfahren musste, dass sich Dritte im Glanz seiner Förderung spiegeln.

 

Auch im Ulmer Stadthaus traten bisweilen Erinnerungslücken auf und man konnte sich nicht recht entsinnen, dass die Fondation 2002 ein begehrtes Original des US-Künstlers Dan Graham als Leihgabe samt Geld für die Versicherungskosten

bereitgestellt hatte, das ansonsten bevorzugt von der Staatsgalerie Stuttgart angefordert wurde. Was im Übrigen nur wegen Steinles guter persönlicher Beziehung zu Graham möglich war.

Pyramide des Künstlers Dan Graham für den Magirushof Ulm

Hilfe und Irritation

Doch aller Trittbrettfahrer und Vorteilsnehmer zum Trotz, die im Kielwasser seines Erfolgs mitschwammen, machte Günter Steinle unbeirrt mit seiner Stiftungsarbeit weiter. Auch angesichts dessen, was da noch kommen könnte – und tatsächlich auch kommen sollte. In Gestalt der maroden
KZ-Gedenkstätte am Oberen Kuhberg, die dringend saniert werden musste und im Zuge dessen zu einem Dokumentationszentrum ausgebaut werden sollte.

 

Allein, es fehlte das Geld. Zwar lagen dem Leiter der Gedenkstätte, Dr. Silvester Lechner, eine Zuschusszusage des Bundes in Höhe von 800.000 Mark vor, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass sich die Stadt Ulm ihrerseits mit 150.000 Mark an den Kosten beteiligt. Doch der Gemeinderat

sträubte sich, das Projekt drohte zu kippen. Hilfesuchend wandte sich Inge Fried, die Gründerin des Vereins „Ulm ist auch anders“, an Günter Steinle, der spontan bereit war,
3.000 Mark zu spenden.

Allerdings ebbte der weitere Spendenfluss ab und versiegte schließlich völlig, weshalb das Vorhaben, binnen weniger Wochen den nötigen Betrag einzusammeln, scheiterte. Damit drohte die Sanierung der Gedenkstätte endgültig zu kippen. Angesichts dieser prekären Situation kam Steinle ein anderer Gedanke: Wenn schon kein Geld zu Verfügung steht, warum dann nicht mit Sachleistungen helfen? Also bot er Silvester Lechner an, Statiker, Architekten und Handwerker für die Rettungsaktion bereit zu stellen, um das Projekt eigenhändig zu stemmen. „Ich dachte, der springt mir jetzt um den Hals.“ Doch weit gefehlt: Lechner lehnte das Hilfsangebot ab. „Ihm ging es nur um die 800.000 Mark vom Bund“, beurteilt Steinle heute die Motivlage.

Südwestpresse 20.11.1998

Schwäbische Zeitung 29.6.2000

Der „Macher“ machts möglich

Dass er die Zuwendung dennoch erhielt, lag nicht zuletzt an Günter Steinle und dessen guten Verbindungen zur internationalen Kunstszene. Kein geringerer als Frank Stella sollte ins Spiel kommen, der eigentlich als Teil eines großen Neu-Ulmer Bauprojekts mit Steinle im Gespräch war. Allein, es gab zunächst Anlaufschwierigkeiten: Verärgert darüber,

dass eines seiner Kunstwerke aus unerfindlichen Gründen einst in den Keller des Stadthauses verbannt worden war, wollte der weltberühmte Bildhauer, Objektkünstler und Superstar der Analytischen und Farbfeld-Malerei eigentlich nie mehr

nach Ulm kommen. Doch Dank der Vermittlung von Dan Graham stieg er letztlich ins Flugzeug und traf in Günter Steinle einen Mann, mit dem er bald freundschaftlich verbunden sein sollte.

 

Die beiden verstanden sich auf Anhieb, Stella genoss die Atmosphäre, in der er endlich einmal nur er selbst sein konnte und nicht auf das Kunstidol reduziert wurde. „Er war gelöst, entspannt und froh, dass er unter Freunden war und von niemandem bedrängt wurde“, erinnert sich Steinle gern

an das denkwürdige Abendessen im Restaurant „Pflugmerzler“, bei dem sich Stella nicht zu schade war, das Gästebuch mit einer Zeichnung zu veredeln. Da das Eis längst gebrochen war, unterbreitete Steinle dem Künstler wenig später in seinem Büro einen Vorschlag zur Mittelbeschaffung für das Sanierungsobjekt KZ-Gedenkstätte: Steinle erbot

sich, Stella ein Original-Kunstwerk abzukaufen, wovon 30 Grafiken erstellt und zum jeweiligen Preis von 5.000 Mark verkauft werden sollten.

 

Den Erlös wollte er Inge Frieds Hilfsverein zukommen lassen. Franks Stellas Reaktion fiel allerdings anders aus, als erwartet. Er war stocksauer: „I hate it!“

Und er erklärte auch den Grund für seine Empörung: Er hatte schlichtweg genug davon, als jüdischer Künstler seit Jahrzehnten unablässig von Organisationen für Fundraising-Projekte im Bereich der jüdischen Geschichte herangezogen zu werden. Deshalb lehnte er eine Beteiligung am dem Ulmer Vorhaben kategorisch ab. Die Überraschung kam wenige Wochen später. Aufgrund seines guten Verhältnisses zu Steinle war Stella war noch einmal in sich gegangen und gab seinem europäischen Freund eine Zusage: „Ich tue Dir den gefallen, aber zu meinen Konditionen.“ Was bedeutete: Er musste kein Original erwerben – Stella schenkte ihm 30 Grafiken seiner Kleinserie „Stranz“, die er als persönliche Reminiszens an Steinle in „Nemerik“ (jüdisch: der Macher) umbenannte. Die durfte der Mäzen pro Stück für 5.000 Mark verkaufen. „Mit dem Geld kannst Du machen, was Du willst“, ließ ihn Stella wissen. „Meinetwegen kannst Du damit auch das Münster rosa anmalen lassen.“

Arbeiten von Frank Stella für den Neu-Ulmer Petrusplatz

Die „Stranz” Kleinserie „Nemerik”

von Frank Stella

Irritation 2.0

Wer nun geglaubt hatte, dass sich die Dinge jetzt zum besten wenden würden, irrt. Denn jetzt kam die Stunde der Bedenkenträger. Silvester Lechner merkte kritisch an, dass das Dokumentationszentrum im Falle des Bilderverkaufs auch noch Steuern bezahlen müsste. Andernfalls werde möglicherweise auch der Künstler vom Fiskus herangezogen.

Jedenfalls wollte Lechner die Angelegenheit „steuerunschädlich“ über die Bühne bringen. Ein wahrlich pikanter Gedanke, dass einer, der etwas für einen guten Zweck verschenkt, auch noch finanziell belangt werden könnte, nur weil sich der Beschenkte weigert, dem Fiskus zu geben, was

des Fiskus ist. Nach diversen Recherchen in Museumskreisen

wurde dann schließlich ein Dreh gefunden, der eine steuerunschädliche Veräußerung der Grafiken möglich machen sollte: der Verkauf im Rahmen einer Ausstellung. Unter einer Voraussetzung: Der Künstler muss persönlich zugegen sein!

 

Ein schwieriges Unterfangen, denn Stella war angesichts der für ihn kleinkarierten Steuerdiskussion bereits „wieder auf 180“, weiß Steinle.

Dennoch ließ sich der Künstler erneut erweichen und kam zur Ausstellung. Steinles offizielle Übergabe der Werke an das Fördergremium im Rahmen einer ersten Präsentation konnte dokumentarisch leider nicht festgehalten werden, da Fotograf Silvester Lechner scheinbar „vergessen hatte, einen Film einzulegen“. Dafür war der Leiter des Dokumentationszentrums umso präsenter in den Medien, die Steinles Beitrag schlichtweg verschwiegen hatten. Der Grund dafür stellte sich später heraus. Kurz vor der Ausstellung war ein Zeitungsartikel erschienen, der sich kritisch mit Steinles Wohnbaupolitik auseinandersetzte.
Was im Verein die Frage auslöste, ob man denn vor diesem Hintergrund überhaupt Geld von der Steinle-Fondation annehmen könne. Man konnte. Allerdings sprach sich Lechner bei den Medien dafür aus, die Stiftung in Veröffentlichungen nicht zu nennen. Ergo half Steinle unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die Gedenkstätte wurde ausgebaut und Silvester Lechner erhielt 2002 für seine Leistungen das Bundesverdienstkreuz.

Auf der Welt- und Kleinkunstbühne

Dass es auch anders geht, zeigt die Zusammenarbeit mit der amerikanischen Organisation „Elysium - between two continents“, die den Kulturaustausch zwischen den USA und Europa anstrebte. Kontakt zu dem namhaften Verein, dem

unter anderem Anna Moffo, George Clooney, Elton John und Paul MyCartney angehören, bekam Günter Steinle im Rahmen eines Konzerts zum 30. Bühnenjubil.um von Placido Domingo in der New Yorker Metropolitan Opera. Die exklusiven Karten für die erste Reihe hatte ihm der legendäre

Chef-Concierge des Hotels „Adlon“ in Berlin, Raffaele Sorrentino besorgt, der noch bessere Beziehungen besitzt, als Steinle, und wegen seiner Fähigkeit, Wünsche zu erfüllen im Ruf steht, der Mann zu sein, „der niemals nein sagt“.

So lauschte Steinle dem spanischen Star-Tenor in exklusiver Sitznachbarschaft von Barbara Flick und dem Elysium-Intendanten Gregorij H. von Leïtis, einem weiteren Bundesverdienstkreuzträger.

 

Mit dem freilich verstand sich Steinle sofort, weshalb er in der Pause auf ein Getränk eingeladen wurde, dass es offiziell in der Met eigentlich gar nicht gibt: eine Tasse Kaffee. Außer man weiß, wo! Also folgte ihm Steinle durch die Gänge und stand unvermittelt in den Privaträumen von Stardirigent James Levine.

 

Dort kam man ins Gespräch über ein transkontinentales Kulturprojekt. Und so stellte die Fondation anlässlich der Stadthausveranstaltung zum „Jahrestag der Reichskristallnacht“ entsprechende Kontakte her und sponserte die Aufführung der Komposition von Viktor Ullmanns Melodram „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, was zu einem großen Erfolg wurde.

 

Hier wurde der Dank nicht versagt. Unter anderem übermittelte der ehemalige Bürgermeister von New York, Rudolph Giuliani, seine Anerkennung. Das war aber noch nicht alles, denn „Elysium“ bekam Post vom Chef persönlich, wie der Briefkopf des Weißen Hauses verriet: Der damalige US-Präsident Bill Clinton hatte es sich nicht nehmen lassen, eigenhändig seinen Dank auszusprechen.

 

Doch lieber als gelobt zu werden, lobt Steinle selber. Zu diesem Behufe hat er 2012 den „Pocket-Klassiker-Preis“ gestiftet. Vor dem Hintergrund eines in dieser Form bis dato noch nie dagewesenen Festivals. „Faust“ in fünf Minuten, Schillers

„Räuber“ im Liliput-Format oder „Hamlet“ als Duett- Nummer - dass großes Theater im Kleinformat möglich ist, hat das Theater Neu-Ulm beim ersten Taschenklassiker-Festival gezeigt. Premieren-Preisträger war Bernd Kohlhepp, der die Auszeichnung von Günter Steinle überreicht bekam. Nun soll die Nische eine feste Größe in der regionalen Kulturlandschaft werden: als „Biennale“. Mit der Unterstützung des Preisstifters, der bereits seine Zusage gegeben hat. So richtet Günter Steinle seinen Blick wie immer nach vorn, in die Zukunft: „Die Arbeit der Fondation geht weiter.“

Denn er will ja was bewegen...

 

Text: Bernd Rindle

Förderung der Neuen Philharmonie München www.nphm.info

Konzert mit Geigen-Star
Gilles Apap im
Münchner Herkulessaal

Förderung für die  Sinfonietta Ulm

Förderung von Künstlern

Übergabe des Steinle-Awards beim Pocket-Klassiker-Festival

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